Innovative Milieus: Warum Deutschlands Innovationsspitze schrumpft und was Unternehmen jetzt tun können
Interview mit Armando García Schmidt
Stellen Sie sich eine Landkarte der deutschen Unternehmen vor. Sie ist nicht nach Branche, Größe oder Alter sortiert, sondern danach, wie Unternehmen mit Innovation umgehen. Genau diese Landkarte zeichnet die Bertelsmann Stiftung seit dem Jahr 2019. Und das aktuelle Bild für 2026 hat mich nachdenklich gemacht.
In der neuen Folge meines Podcasts „Innovation Einfach Machen“ habe ich mit Amando García Schmidt von der Bertelsmann Stiftung gesprochen. Er erforscht mit seinem Team die sogenannten Innovativen Milieus, inzwischen zum dritten Mal. In diesem Beitrag fasse ich die wichtigsten Gedanken aus unserem Gespräch zusammen und ordne sie für Ihre Praxis ein.
Das Interview gibt es in meinem Podcast „Innovation Einfach Machen“ anzuhören.
Hinweis: Ein Gespräch mit Armando García Schmidt – Blogbeitrag auf Basis der Podcastfolge „Innovation einfach machen“ mit Bianca Prommer wurde mithilfe von KI erstellt
Was Innovative Milieus eigentlich sind
Die meisten Studien zur Innovationskraft von Unternehmen arbeiten mit klassischen Merkmalen. Sie vergleichen Branchen miteinander, oder junge mit alten Unternehmen, oder kleine mit großen. Das ist nachvollziehbar, weil sich diese Merkmale leicht erfassen lassen. Die Bertelsmann Stiftung wollte jedoch etwas anderes wissen. Sie wollte verstehen, wie die innere Haltung eines Unternehmens zur Innovation wirklich aussieht.
Pate stand dabei ein Instrument, das viele aus der Marktforschung kennen, nämlich die Sinus-Milieus. Auch sie sortieren nicht allein nach Einkommen oder Bildung, sondern nach der grundlegenden Haltung von Menschen. Genau diese Idee hat das Team auf die Unternehmenslandschaft übertragen.
Dafür wurden über dreißig Indikatoren entwickelt, verteilt auf sechs Dimensionen. Dazu gehören die Innovationsorganisation, die Innovationskompetenz und die Innovationskultur, aber auch die Stellung im Markt und die Art der Vernetzung nach innen und nach außen. Eine der zentralen Fragen lautet zum Beispiel, ob ein Unternehmen gemeinsam mit Partnern innoviert, etwa mit Kunden, Lieferanten oder der Wissenschaft.
Aus all diesen Antworten entsteht am Ende eine zweidimensionale Grafik, die im Team liebevoll Kartoffelgrafik genannt wird. Auf der einen Achse steht der Innovationserfolg, also der tatsächliche Output an Produkt-, Prozess- und Organisationsinnovationen. Auf der anderen Achse steht das Innovationsprofil, also die grundsätzliche Haltung. So entstehen unterschiedliche Milieus, die zeigen, wie verschieden Unternehmen in Deutschland mit Innovation umgehen und wie eng diese Haltung mit messbarem Erfolg zusammenhängt.
Die vollständige Studie finden Sie hier: LINK
Die Abbildung zeigt die innovativen Milieus 2026.

Wie sich die innovativen Milieus verändert haben
Inzwischen liegen drei Erhebungswellen vor, aus den Jahren 2019, 2023 und 2026. Armando García Schmidt beschreibt die Entwicklung mit einem Bild, das im Kopf bleibt. Die Gipfel werden höher und schmaler, und die Täler werden tiefer und breiter.
Die Spitze wird kleiner
Im Jahr 2019, also noch vor der Pandemie, war das Bild erstaunlich ausgeglichen. Etwa ein Viertel der Unternehmen gehörte zur innovationsstarken Spitze. Ein weiteres Viertel lag im innovationsfernen Bereich, und die Hälfte bewegte sich im Mittelfeld. Heute sieht das anders aus. Nur noch rund dreizehn Prozent der Unternehmen zählen zur Spitze, während sich der innovationsferne Bereich auf fast vierzig Prozent vergrößert hat.
Diese Verschiebung ist kein kurzer Ausschlag, der sich von selbst korrigiert. Sie zieht sich über alle drei Wellen und hat sich zuletzt sogar verstärkt. Armando García Schmidt spricht von einer substanziellen Auswanderung aus der Innovation. Genau das macht ihm und seinem Team Sorge.
Ein ganzes Milieu ist verschwunden
Besonders eindrücklich finde ich eine andere Beobachtung. In den ersten beiden Erhebungen gab es ein eigenes Milieu, das die Forscher die Disruptiven Innovatoren nannten. Das waren oft jüngere, dienstleistungsnahe Unternehmen mit dem Anspruch, ihr eigenes Geschäftsmodell infrage zu stellen und neue Märkte zu schaffen. In der aktuellen Erhebung lässt sich dieses Milieu in der Breite nicht mehr finden. Es ist verschwunden.
Ein Teil dieser Unternehmen ist allerdings nicht weg, sondern nach oben gewandert. Sie sind heute so erfolgreich, dass sie zum Milieu der Technologieführer zählen. Damit hat sich auch dieses Spitzenmilieu verändert. Früher war es klar von großen, alten Industrieunternehmen geprägt. Heute besteht es zu fast der Hälfte aus jüngeren Dienstleistungsunternehmen. Die Innovationsspitze ist also nicht nur kleiner geworden, sondern auch jünger, digitaler und weniger industriell.
Woran das liegt
Die Studie beschreibt, was Unternehmen tun, und nicht, warum sie es tun. Trotzdem lässt sich aus vielen Gesprächen eine plausible Erklärung ablesen. Im Kern steht eine tiefe Verunsicherung.
Diese Verunsicherung hat mehrere Quellen. Sie hat eine wirtschaftliche Seite, weil das in Deutschland und Österreich starke verarbeitende Gewerbe unter Druck steht. China ist in vielen Feldern längst kein verlängerter Werktisch mehr, sondern ein ernstzunehmender Konkurrent. Hinzu kommt eine geopolitische Lage, die sich schnell verändert. Allein die Androhung von Zöllen kann Märkte verschieben, und schwankende Rohstoffpreise können Lieferketten von heute auf morgen durcheinanderbringen.
Viele Unternehmen reagieren darauf, indem sie sich zurückziehen. Sie sichern das ab, was sie haben, und scheuen das Risiko neuer Innovationsprojekte. Das hat eine betriebswirtschaftliche Logik, und Armando García Schmidt erkennt sie ausdrücklich an. Zugleich weist er auf einen Haken hin. Wer der wachsenden Konkurrenz nur mit kleinen, schrittweisen Verbesserungen begegnet, wird sie kaum übertreffen. Gerade in dieser Lage lohnt es sich, das eigene Geschäftsmodell mutig zu hinterfragen, statt es nur zu verteidigen.
Was erfolgreiche, innovative Unternehmen anders machen
Jetzt kommt der Teil, der mir besonders Mut macht. Innovationskraft hängt erstaunlich wenig am großen Budget. Sie hängt vor allem an drei Hebeln, und keiner davon ist teuer.
Offenheit nach innen
Erfolgreiche Unternehmen kapseln das Thema Innovation nicht in einer einzigen Abteilung ein. Sie schaffen Anreize, damit Ideen aus der gesamten Belegschaft sichtbar werden. Auch die Person am Band kann einen guten Vorschlag für eine Prozessverbesserung haben. Und der Mensch im Außendienst nimmt vielleicht eine kleine Veränderung bei den Kunden wahr, die sonst niemand bemerkt.
Damit solche Beobachtungen wirklich ankommen, braucht es eine offene Kultur. Es braucht ein Miteinander, in dem über Hierarchien hinweg gesprochen wird und in dem Hinweise Gehör finden. Genau dieser offene Austausch hängt nachweisbar mit dem Innovationserfolg zusammen.
Offenheit nach außen
Der zweite Hebel ist die Zusammenarbeit mit anderen. Unternehmen, die sich von Kunden und Lieferanten anregen lassen und die mit Start-ups oder mit der Wissenschaft kooperieren, sind im Schnitt erfolgreicher. Wer dagegen sagt, ich innoviere für mich allein und lasse niemanden hineinschauen, verschenkt Potenzial.
Besonders ans Herz gelegt hat mir Armando García Schmidt die Zusammenarbeit mit Hochschulen. Viele Mittelständler haben hier Vorbehalte und fürchten, dass die Wissenschaft eine andere Sprache spricht oder sie überfordert. Dabei lohnt sich oft schon der Blick in die eigene Region. Es gibt nicht nur Universitäten, sondern auch Fachhochschulen und technische Hochschulen, die unter dem Stichwort Transfer aktiv die Nähe zu Unternehmen suchen. Manchmal sitzt der passende Ansprechpartner viel näher, als man denkt.
Innovationsmethoden
Der dritte Hebel ist mir aus meiner täglichen Arbeit besonders vertraut. Es geht um Innovationsmethoden. Auch hier zeigt die Studie, dass dieser Hebel stark wirkt und dass er nicht teuer sein muss. Man braucht keine eigene Forschungsabteilung. Oft genügt es, einmal eine Beraterin oder einen Berater ins Haus zu holen, um mit einem ersten Workshop zu beginnen oder mit fremdem Blick auf das eigene Unternehmen zu schauen.
Schön finde ich, dass sich gerade die innovationsferneren Milieus über die drei Wellen hinweg in diesem Punkt etwas bewegt haben. Viele kleinere Unternehmen schulen heute Innovationsmethoden oder holen sich Beratung ins Haus, und das schlägt sich im Erfolg nieder.
Ein gutes Beispiel ist Design Thinking. Diese Methode ist nicht nur ein Werkzeug, sondern sie stellt die Öffnung nach außen und das gemeinsame Denken in den Mittelpunkt. Sie holt Kunden früh in den Prozess und bringt Menschen aus dem ganzen Unternehmen an einen Tisch.
Genau an dieser Stelle entsteht der größte Wert. Wenn eine Methode nicht einmal angewendet, sondern als Haltung verstanden wird, verändert sich etwas Bleibendes. In meiner Arbeit erlebe ich das immer wieder. Wenn Menschen aus dem Produktmanagement, aus der Entwicklung und aus dem Personalbereich gemeinsam lernen, eine Methode zu moderieren, tragen sie diese Denkweise anschließend in ihre Teams. Das Unternehmen baut Kompetenz auf, spart später Moderationskosten und bindet seine Kunden enger. Aus einer einmaligen Investition wird ein nachhaltiger Lerneffekt.
Sie interessieren sich für Design Thinking? Lassen Sie uns sprechen.
Die Rolle der Politik
Wer über Innovation spricht, hört schnell ein bestimmtes Argument. Wir würden ja gern, aber die Bürokratie bindet uns die Hände. Auch dieses Thema haben wir besprochen, und die Antwort war angenehm ehrlich.
Die Verantwortung für Innovation liegt zuerst bei den Unternehmen selbst. In einer Marktwirtschaft ist Innovation kein nettes Extra, sondern eine Voraussetzung, um langfristig überlebensfähig zu bleiben. Die Politik kann gute Rahmenbedingungen schaffen, aber innovieren müssen die Unternehmen.
Mit Blick auf die Regulierung wählt Armando García Schmidt klare Worte. Wer gar nicht erst in die Innovation geht und das mit zu strenger Regulierung begründet, stellt häufig eine Schutzbehauptung auf. Natürlich gibt es stark regulierte Bereiche. Doch europäische Regulierung hat auch eine Stärke, die leicht übersehen wird, nämlich Rechtssicherheit. Ein Pharmaunternehmen, das einmal durch den anspruchsvollen Zulassungsprozess gegangen ist, kann sich anschließend relativ sicher auf dem Markt bewegen. In Märkten mit fehlender Regulierung übernehmen dagegen oft erst die Gerichte diese Rolle, was für Unternehmen gefährlich werden kann.
Auf der positiven Seite stehen die Förderinstrumente. In Österreich und in Deutschland gibt es zahlreiche Programme, die gerade kleinen und mittleren Unternehmen den Einstieg erleichtern. Der Zugang ist manchmal komplex, und der Begriff Förderdschungel passt gut. Doch es gibt Anlaufstellen wie die Kammern, die beraten und an die Hand nehmen. Das Fazit zur Politik fällt deshalb nüchtern aus. Die Lage ist grau und nicht schwarz. Sie ist kein guter Grund, die eigene Innovationsarbeit einzustellen.
Der eine erste Schritt
Zum Schluss habe ich Armando García Schmidt gefragt, welchen einen Schritt innovationsferne Unternehmen jetzt am besten gehen sollten. Seine Antwort war so einfach wie überzeugend. Sie sollten sofort schauen, wo es in ihrer Nähe Menschen gibt, die Innovationsmethoden wirklich beherrschen, und mit diesen Menschen ins Gespräch gehen.
Das ist ein kleiner Schritt. Und vielleicht ist genau das die schönste Botschaft dieser Folge. Der Anfang muss nicht groß sein.
Worauf es jetzt ankommt
Das Gesamtbild ist ernst, aber es ist nicht hoffnungslos. Ja, die Spitze wird schmaler und die Breite wird innovationsferner. Zugleich zeigen einzelne Milieus, dass Aufwärtsbewegung möglich bleibt. Wo Unternehmen in Kultur, Kompetenz und Zusammenarbeit investieren, verbessern sie ihre Position. Innovationsstärke ist eben kein fester Zustand, sondern etwas, das man pflegen muss.
Wenn ich diese Folge auf einen Gedanken verdichte, dann auf diesen. Sie brauchen für den nächsten Schritt kein großes Budget und keine eigene Forschungsabteilung. Sie brauchen die Bereitschaft, sich nach innen und nach außen zu öffnen, und Sie brauchen die passende Methode, um aus dieser Offenheit Ergebnisse zu machen.
Das vollständige Gespräch mit Armando García Schmidt hören Sie in der aktuellen Folge meines Podcasts „Innovation Einfach Machen“ mit dem Titel „Innovative Milieus: Armando García Schmidt über Deutschlands Innovationslandschaft“.
Eine Frage nehme ich aus diesem Gespräch mit, und ich gebe sie gern an Sie weiter. In welchem Milieu sehen Sie Ihr eigenes Unternehmen gerade, und welcher der drei Hebel wäre Ihr nächster? Ich freue mich, wenn Sie mir davon erzählen.
Wichtige Links:
Hier finden Sie die vollständige Onlinestudie der Bertelsmann Stiftung zu den innovativen Milieus.
Link zur Bertelsmann Stiftung: LINK
Urheberin des Fotos von Armando ist Andrea Rohden, Gütersloh.